
Legacy-Systeme in der Kernversicherung: Sanieren, ablösen oder kapseln?
Ein Beitrag zu IT-Entwicklung und Produktmanagement in der deutschen Versicherungs-IT
Die Last der Pioniere
Versicherungsunternehmen gehörten zu den Pionieren der digitalen Datenverarbeitung – und genau das wird zunehmend zur Last. Die frühe Technologisierung der Branche bedeutet heute, dass viele Kernversicherungssysteme über Jahrzehnte organisch gewachsen sind, statt grundlegend modernisiert zu werden. Das Ergebnis: hochkomplexe, schwer wartbare Systemlandschaften, die den heutigen Anforderungen an Flexibilität, Geschwindigkeit und externe Zusammenarbeit nicht mehr gerecht werden. Selbst scheinbar einfache Anpassungen können dabei enormen Aufwand verursachen, weil Daten redundant angelegt sind und an vielen Stellen gleichzeitig gepflegt werden müssen.
Deutschland und die Schweiz zählen weltweit zu den Märkten mit der höchsten Dichte an Altsystemen. Ein deutliches Indiz dafür liefert der Arbeitsmarkt: Analysen von IT-Stellenanzeigen zeigen, dass COBOL- und Mainframe-Know-how weiterhin gefragt ist – ein klares Signal für die schleppende Modernisierung in der Breite.
Der wirtschaftliche Preis des Stillstands
Legacy-Systeme sind nicht nur unbequem, sie sind auch teuer. Analysten schätzen, dass bis zu 70 Prozent des IT-Budgets für den reinen Betrieb von Legacy-Systemen gebunden sind (Quelle: IT-Finanzmagazin) – Kapital, das damit für Innovation fehlt. Hinzu kommt ein demografisches Problem: Mit dem Ausscheiden erfahrener Fachkräfte, die diese Altsysteme über Jahre gepflegt haben, verschärft sich die Lage zusätzlich, da Wissen über gewachsene Sonderlösungen und historische Anpassungen verloren geht.
Auch aktuelle Marktbeobachtungen bestätigen den Handlungsdruck: Eine Studie der Strategieberatung EY zeigt, dass die derzeit eingesetzten Kernversicherungssysteme zunehmend die unternehmerische Zukunft der Konzerne gefährden, weil die technische Infrastruktur immer stärker über die Wettbewerbsfähigkeit entscheidet. Eine Umfrage des Beratungs- und Softwareunternehmens PPI zeigt zudem, dass gut die Hälfte der Versicherungsgesellschaften noch veraltete Kernsysteme einsetzt – obwohl eine Mehrheit der Versicherer ihre IT-Systeme modernisieren möchte, um Effizienz zu steigern und Prozesse zu automatisieren.
Drei grundsätzliche Strategieoptionen
Für den Umgang mit historisch gewachsener IT haben sich in der Praxis im Wesentlichen drei Strategierichtungen herausgebildet, die sich auch in Studien wiederfinden:
Sanieren (Modernisieren). Bestehende Systeme werden schrittweise überarbeitet, statt sie vollständig zu ersetzen. Dieser Ansatz reduziert das Projektrisiko eines "Big Bang"-Austauschs, verlangt aber Disziplin, um nicht erneut in unstrukturiertes Wachstum zurückzufallen. Wichtig ist dabei ein klares Zielbild mit einer cloud-nativen Referenzarchitektur, damit die Modernisierung nicht zum reinen Flickwerk wird.
Ablösen (Austauschen). Das Legacy-System wird durch ein neues Kernsystem ersetzt. Dieser Weg verspricht den größten langfristigen Sprung, birgt aber auch das höchste Projektrisiko und erfordert erheblichen Rückhalt aus der Unternehmensführung sowie eine enge Zusammenarbeit mit erfahrenen Partnern. Praxisbeispiele aus der Branche zeigen, dass eine klare Zielsetzung und starke Partnerschaften entscheidende Erfolgsfaktoren für eine gelungene Kernsystemablösung sind.
Kapseln (Koexistenz und Mischstrategie). Legacy-Systeme bleiben im Kern bestehen, werden aber über moderne Schnittstellen und Zusatzsysteme so eingebunden, dass neue Funktionalitäten außerhalb des Altsystems entwickelt werden können. Dieser pragmatische Mittelweg lässt sich in der Praxis am häufigsten beobachten.
Was die Branche tatsächlich tut
Eine Studie von PwC Deutschland, an der 41 Versicherer mit rund 40 Prozent der Prämieneinnahmen aus dem DACH-Raum teilnahmen, liefert ein differenziertes Bild der tatsächlichen Transformationsstrategien. Drei Viertel der Versicherungsunternehmen aus dem DACH-Raum planten, innerhalb von drei Jahren mindestens ein Kernsystem auszutauschen oder zu modernisieren, während 20 Prozent der Befragten weiterhin auf ihre Bestandssysteme setzen wollten. Die Studie identifiziert fünf typische Transformationsstrategien: Legacy-Nutzer, Modernisierer, Austauscher, Neusystem-Nutzer und Mischstrategen. Mischstrategen bilden mit 29 Prozent die größte Gruppe – sie zeichnen sich dadurch aus, dass vereinzelte Legacy-Systeme bewusst in Betrieb bleiben, während Modernisierung und Austausch für andere Systemteile parallel erfolgen.
Diese Verteilung bestätigt, dass die pragmatische Koexistenz-Strategie in der Praxis oft realistischer ist als ein vollständiger, einmaliger Austausch – insbesondere angesichts der Komplexität gewachsener Systemlandschaften.
Die Souveränitätsdimension nicht unterschätzen
Neben Kosten und Wartbarkeit gewinnt ein weiterer Aspekt an Bedeutung: digitale Souveränität. Viele Legacy-Systeme in der Finanzdienstleistungsbranche weisen eine erhöhte Abhängigkeit von einzelnen Herstellern auf. In Zeiten geopolitisch bedingter Spannungen wird diese Abhängigkeit zu einer zusätzlichen Herausforderung, die über die klassischen Modernisierungsargumente wie Wartbarkeit und Kosten hinausgeht. Modernisierungsstrategien, die auf offenen Standards und bewusst ausgewählten Abhängigkeiten basieren, adressieren dieses Risiko gezielt und sollten deshalb Teil jeder strategischen Kernsystem-Entscheidung sein.
Der KI-Faktor als zusätzlicher Modernisierungsdruck
Legacy-Systeme sind längst nicht mehr nur ein Kosten- und Wartbarkeitsproblem, sondern bremsen inzwischen auch die Skalierung von Künstlicher Intelligenz. Aktuelle Markteinschätzungen für 2026 stellen fest, dass Legacy-Systeme und regulatorische Anforderungen die Umsetzung vieler KI-Projekte in der Versicherungswirtschaft bremsen, obwohl die weitere Skalierung von KI als zentraler Erfolgsfaktor gilt. Besonders für den Einsatz von Agentic AI – KI-Systemen, die zunehmend autonom Entscheidungen im Arbeitsalltag treffen sollen – ist neben einem "Trusted AI"-Ansatz mit menschlicher Aufsicht auch die weitere Modernisierung von Legacy-Systemen sowie eine hohe Datenqualität eine explizite Voraussetzung.
Wer also KI-Investitionen plant, sollte die zugrunde liegende Kernsystem-Landschaft nicht als unabhängige, nachgelagerte Frage behandeln, sondern als integralen Bestandteil der KI-Strategie.
Praktische Handlungsempfehlungen
- Strategie explizit wählen, statt implizit zu verharren. Die reine Fortführung eines Legacy-Systems ohne bewusste Entscheidung ist selbst eine Strategie – meist die riskanteste, da sie technische Schuld weiter anhäuft.
- Mischstrategien realistisch einplanen. Angesichts der Marktdaten ist eine vollständige, einmalige Ablösung selten der pragmatischste Weg. Eine bewusste Koexistenz mit klar definierten Schnittstellen kann Risiko und Fortschritt besser ausbalancieren.
- Souveränität als eigenständiges Kriterium bewerten. Herstellerabhängigkeiten sollten bei jeder Modernisierungsentscheidung explizit mitbewertet werden, nicht nur implizit über den Anbieter mitentschieden werden.
- KI-Ambitionen an den Zustand der Kernsysteme koppeln. Bevor größere KI-Investitionen geplant werden, lohnt sich eine ehrliche Bestandsaufnahme, ob die zugrunde liegende Datenqualität und Systemarchitektur den Anforderungen überhaupt gewachsen sind.
- Wissenstransfer aktiv managen. Da erfahrene Fachkräfte mit Legacy-Know-how zunehmend ausscheiden, sollte die Dokumentation und der Wissenstransfer für Altsysteme priorisiert werden, unabhängig davon, welche langfristige Strategie verfolgt wird.
Fazit
Die Frage "Sanieren, ablösen oder kapseln?" lässt sich nicht pauschal beantworten – die Marktdaten zeigen, dass die Mehrheit der Versicherer ohnehin auf differenzierte Mischstrategien setzt, statt sich für einen einzigen Weg zu entscheiden. Entscheidend ist weniger die gewählte Einzelstrategie als die bewusste, aktive Auseinandersetzung mit dem Thema. Wer Legacy-Modernisierung aufschiebt, riskiert nicht nur steigende Betriebskosten, sondern zunehmend auch die eigene Fähigkeit, an zentralen Zukunftsthemen wie KI-Skalierung und digitaler Souveränität überhaupt teilzunehmen.